Ist die französische Weihnachtszeit fad?

Ho ! Ho ! Ho !

Im Sommer habe ich Texte für eine Ausstellung über Nikolaus und den Weihnachtsmann übersetzt: eine spannende Arbeit, die mich daran erinnert hat, wie wichtig die Weihnachtszeit in den germanischen Ländern ist. Für Französinnen und Franzosen ist ja Weihnachten in Deutschland oder Österreich Synonym für wunderschöne Weihnachtsmärkte, Glühwein, köstliche Weihnachtskekse und reich gefüllte Adventskalender, und im Vergleich kann ja die französische Weihnachtszeit fad aussehen.


Reiche Traditionen sind aber oft mit reichem Wortschatz verbunden, und viele deutsche Weihnachtswörter haben mir daher beim Übersetzen Kopfschmerzen bereitet...



Was ist denn ein „Gabenbringer“?

Als schwieriges Wort für französische Übersetzerinnen kann man zuerst Gabenbringer nennen. Der Grund dafür ist, dass die zusammengesetzten Wörter zwar typisch für Deutsch, aber nicht für Französisch sind. Die französische Sprache ist viel weniger flexibel als die deutsche Sprache, und als Studentin hatte ich sogar einen Unilehrer, der behauptete, dass die deutsche Philosophie ihre Existenz der Wortzusammensetzung verdankt, und zwar weil man mit den zusammengesetzten Wörtern neue Konzepte schaffen kann!


Es ist also nicht überraschend, dass eine Website wie Deepl eine wörtliche Übersetzung anbietet. So richtig diese automatische Übersetzung grammatikalisch ist und so verblüffend die Leseflüssigkeit auf den ersten Blick sein mag, bedeutet dieser französische Satz aber genauer betrachtet nichts.

Beispiel mit Deepl


Die Tatsache ist, dass eine wörtliche Übersetzung selten Synonym für eine gute Übersetzung ist, umso mehr, wenn man wie hier zusammengesetzte Wörter ins Französische übersetzen will (und jeder weiß, dass die Wortzusammensetzung im Deutschen sehr üblich ist!).


Meine Übersetzung: Saint Nicolas se remet à distribuer les cadeaux au XIXe siècle.

(wörtlich rückübersetzt: „Nikolaus beginnt im 19. Jahrhundert wieder mit dem Verteilen der Geschenke“)


Als anderes Beispiel können wir Bescherung nennen, das französisch betrachtet zwar ein sehr schönes Wort ist, welches in unserer Sprache aber leider nicht existiert. Üblicherweise wird dieses Wort durch „la distribution des cadeaux“ übersetzt, wörtlich „die Verteilung der Geschenke“. Das Problem: diese Formulierung ist viel länger, was problematisch sein kann, wenn die Zeichenanzahl im Text begrenzt ist, wie es üblich für Ausstellungen ist. Außerdem „verteilen“ wir die Geschenke nicht wirklich in Frankreich, sondern wir „öffnen“ sie („ouvrir les cadeaux“): andere Länder, andere Sitten!

Vergleich « Bescherung »/« distribution des cadeaux » auf Google : 2,8 Mio. vs 150.000 Ergebnisse


Betrachten wir auch kurz das Wort Weihnachtszeit: man könnte es wörtlich durch „la période de Noël“ übersetzen, aber die Ausdrücke fêtes („Feste“) und fêtes de fin d‘année („Jahresendefeste“) sind viel üblicher: wie Sie sehen können, bedeuten jedoch solche Ausdrücke auf Deutsch gar nichts!



Ein deutscher Tannenbaum ist kein französischer Tannenbaum!

Als problematisches Wort kann man zum Schluss Lametta nennen, mit dem ich schon einmal in einem Französischkurs konfrontiert worden bin: eine elfjährige Österreicherin hatte mich einmal gefragt, wie man Lametta auf Französisch sagt. Oje…


„Oje“, weil das Lametta in Frankreich gar nicht existiert und daher keinen Namen hat: es ist ja eine Nürnberger Erfindung und Frankreich hat andere Weihnachtsschmucktraditionen. Solche Situationen stressen das Gehirn der Übersetzerin stark: „Oh mon Dieu, und was mache ich denn jetzt mit diesem Wort? Ich weiß! Sagen wir einfach, dass die Nuance uns wurscht ist und dass wir nur guirlande schreiben werden! Warte mal, das geht aber nicht: die Ausstellung berichtet hier genau von diesem Weihnachtsschmuck und das kann also nicht nur eine „guirlande“ sein. Ich kann vielleicht das deutsche Wort verwenden und es dem Publikum erklären? Oder ich kann… Oder ich kann… Oder ich kann ins Bett gehen und das morgen genauer schauen?“ Wie Sie es sehen können, sind „schnelle“ Übersetzungen einfach unmöglich: um kreativ zu sein, braucht das Gehirn Pausen und Erholung!



Frohe Weihnachten!

Ich hoffe, dass dieser erste Artikel Ihnen gefallen hat und aufzeigte, welch schwieriger Prozess das Übersetzen ist, und dies, obwohl viele glauben, dass die Beherrschung einer Fremdsprache zum Übersetzen genügt. Jeder zu übersetzender Text ist mehr oder weniger kulturell geprägt und beinhaltet aus diesem Grund Begriffe, die in der anderen Sprache einfach nicht existieren oder selten verwendet werden: die Übersetzung ist also zwar eine spannende, aber auch eine sehr schwierige Arbeit, die einen hohen Grad an Professionalität erfordert.


Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und freue mich auf Ihren nächsten Besuch!

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