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Die Nebenwirkungen der Übersetzung

Übersetzen hat Konsequenzen

Man sagt oft, dass die Übersetzerinnen die besten Leserinnen der zu übersetzenden Texte sind, und zwar, weil sie viel Zeit mit diesen Texten verbringen, die sie mehrmals wieder lesen und manchmal quasi auswendig kennen.


Natürlich hat es Vorteile, einen Text wie seine Westentasche zu kennen, trotzdem sollte man einige Nachteile nicht vergessen, die eine lange Beziehung mit manchen Texten oder Themen verursachen kann...


Für den ersten Geburtstag dieses Blogs habe ich beschlossen, Ihnen ein paar Beispiele für unvermeidliche Nebenwirkungen vorzustellen, die alle Übersetzer kennen, damit Sie einen Überblick unseres Berufes haben können.



Fall Nummer 1: das seltsame Verhalten

Übersetzen bedeutet nämlich lange Stunden mit einem Text verbringen. Das Problem dabei ist aber, dass eine zu lange Zeit mit seltsamen Themen ein seltsames Verhalten verursachen kann... Hier eine kleine Auswahl persönlicher Erfahrungen mit solchen Nebenwirkungen:

  • Vor einiger Zeit habe ich mehrere Wochen lang sehr wichtige Texte über die Qualitätskontrolle und die Sicherheit neuer Straßenbahnen übersetzt... und die Nebenwirkungen waren dabei natürlich unvermeidlich: wenn ich in einer Straßenbahn oder in einem Zug war, musste ich UNBEDINGT meine ganze Umgebung erforschen! Ich suchte die Leuchtmelder und die Sensoren, drehte den Kopf in alle Richtungen, um manche Teile wie die Druckkontaktleisten tiefer zu beobachten, kurzum: ich war wie ein Kind in Disneyland Paris! Was viele Passagierinnen und Passagiere natürlich erstaunte, ja sogar auch manchmal beunruhigte... Was? Sind diese Bim* nicht megaklasse? 🤔

* Bim = Straßenbahn im österreichischen Dialekt


  • Kurz nachher habe ich eine Ausstellung zum Thema Weihnachtsschmuck übersetzt. Unter den diversen Materialen, die in der Ausstellung erwähnt wurden, gab es das sogenannte „Chenillegarn“, das mehrere Zeilen lang beschrieben wurde. Als ich ein paar Stunden später meine Tochter von einem Kindergeburtstag abgeholt habe, musste ich also natürlich UNBEDINGT die auf dem Tisch liegenden Pfeifenreiniger aus Chenille genau beobachten... Was die anderen Eltern natürlich erstaunt hat! Ich habe Ihnen zwar erklärt, dass ich ein paar Stunden früher an diesem SEHR INTERESSANTEN Thema gearbeitet habe, aber ich weiß nicht, ob ich sie wirklich überzeugt habe... 😬


Schaut dort: ein anderer Sensor!

(Zeichnung von Philippe Otto)

(eine kolorierte Version wird bald veröffentlicht)



Fall Nummer 2: die Scrabble-Meisterin

Die Übersetzerinnen und Übersetzer sind oft stolz zu erklären, dass sie viele unübliche Wörter kennen, und auch wenn diese Wörter zwar oft total unnötig sind, sind sie trotzdem manchmal sehr hilfreich bei Scrabble:

  • „Wachszieher“ existiert aber nicht!

  • Doch, ich habe es in der Arbeit gelernt! Ich mache also ein Scrabble und kriege dann 50 Punkte mehr!

  • [...]

  • Und was bedeutet denn „Sickerwasser“?!

  • Ich weiß nicht mehr genau, ich muss in meiner Terminologie schauen... Jedenfalls existiert es sicher, ich habe es für einen Kunden verwendet!

  • Ja, aber wenn du die Bedeutung nicht kennst, ist es Schummeln!

  • Blödsinn, du bist einfach ein schlechter Verlierer!

Das Risiko dabei: wenn Sie zu gut werden, wird niemand mehr mit Ihnen spielen wollen!


Ein sehr berühmter französischer Sketch über die Scrabble-Streitereien [fr]


Wie viele Kolleginnen schwärme ich für die komischen, erstaunlichen, unnötigen oder unbeliebten Wörter, die ich gerne mit meiner Familie und meinen Freunden und Freundinnen teile... wobei diese sich nicht immer so sehr wie wir Übersetzer für die Sprachenvielfalt interessieren:

  • Ich habe heute wieder ein neues Wort gelernt: „turricule“! (französisches Fachwort)

  • Toll, und was bedeutet es denn?

  • Wurmkot.

  • ...

Na ja, manche Wörter kann man zwar nicht so einfach in ein Gespräch verwenden... aber auf ein Scrabble-Spielbrett ist es vielleicht möglich? 😋



Fall Nummer 3: die unerträglichen Arbeitsgefährten

Übersetzen bedeutet auch manchmal Wochen, wenn nicht Monate, mit irgendwelchen Dodeln zu verbringen... Und manchmal auch sogar mit schrecklichen Menschen.


Mann vergisst es ja oft, aber Übersetzen ist auch manchmal Synonym für kaum erträgliche Themen. Besonders bewunderungswert finde ich übrigens die Arbeit der juristischen Übersetzer und Gerichtsdolmetscherinnen, die regelmäßig mit sehr schwierigen Themen umgehen müssen.


In der Literaturübersetzung kann man der sehr bekannten französischen Übersetzer Olivier Mannoni erwähnen, der vor kurzem Mein Kampf ins Französische neu übersetzt hat – eine schwierige Arbeit, die er in seinem Buch Traduire Hitler (wörtlich: „Hitler übersetzen“) geschildert hat, das im Oktober 2022 in Frankreich erschienen ist.


Solche Schwierigkeiten habe ich persönlich Anfang 2022 erlebt, als ich ein Buch über Arthur Schopenhauer übersetzt habe: ich schätze Schopenhauer seit langem und kenne sein Denken besonders gut, was natürlich für eine solche Übersetzung vom großen Vorteil war, trotzdem gab es auch eine große Schwierigkeit bei dieser Arbeit: Schopenhauer ist total deprimierend! Zwar nicht immer und auch nicht ganz, aber trotzdem oft, deswegen gilt er übrigens als der größte Pessimist der Philosophie. Da ich die Übersetzung aber gerade zu einer Zeit begonnen habe, wo die internationalen Nachrichten auch sehr deprimierend waren, war diese Arbeit am Anfang psychologisch schwierig, und zwar vor allem, als ich die sich im Buch befindenden zahlreichen Zitate Schopenhauers bearbeiten musste, die einen guten Überblick seines Denkens geben:


„Und dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehn, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Thier das lebendige Grab tausend anderer […] ist […] – dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstriren wollen. Die Absurdität ist schreiend.“ (Schopenhauer)

„Wenn man […] die Summe von Noth, Schmerz und Leiden jeder Art sich vorstellt, welche die Sonne in ihrem Laufe bescheint; so wird man einräumen, dass es viel besser wäre, wenn sie auf der Erde so wenig, wie auf dem Monde, hätte das Phänomen des Lebens hervorrufen können […].“ (Schopenhauer)

Um ehrlich zu sein, wollte ich dieses „Leidensgefährte“ (schopenhauerscher Ausdruck) oft verfluchen... Das ist ja normal, oder?


Schopenhauer en 60 minutes von Walther Ziegler,

vom Deutschen ins Französische von Laura Hurot übersetzt (BOD, 2022)



Frohe Weihnachten!

Ich hoffe, dass dieser Blogbeitrag über die „Kulissen“ der Übersetzung Ihnen gefallen hat und dass Sie jetzt unseren schönen Beruf ein bisschen besser kennen.


Ich wünsche Ihnen Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Bis zum nächsten Jahr für weitere Blogbeiträge! Inzwischen können Sie meinen Beitrag über die Übersetzung der deutschen Weihnachtswörter lesen, den ich letztes Jahr geschrieben habe und der der allererste Beitrag des Blogs war.


Quellen

SCHOPENHAUER, Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II, Zweiter Teilband, Diogenes Verlag, 1977

SCHOPENHAUER, Arthur, Parerga und Paralipomena, Band II, Erster Teilband, Diogenes Verlag, 1977




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