Wie Gott in Frankreich fluchen

Merde!

Sie haben es sicher schon gelesen: der französische Präsident Emmanuel Macron hat sich vor kurzem den Nichtgeimpften gegenüber sehr vulgär ausgedrückt, was in Frankreich zu einer großen Polemik geführt und im Rest der Welt für viel Aufsehen gesorgt hat.


Wir werden hier nicht über den politischen Aspekt dieser Äußerung diskutieren, sondern um den rein sprachlichen Aspekt: warum ist das Verb „emmerder“ – das aus dem Wort „merde“ („Scheiße“) abgeleitet ist – typisch französisch und warum wurde es in vielen ausländischen Medien schlecht übersetzt?



Frankreich und die Schimpfwörter

Wenngleich die französische Sprache von vielen als eine schön klingende Sprache betrachtet wird, bleibt im Ausland eine wichtige Tatsache unbekannt: Französisch ist auch eine sehr vulgäre Sprache.


Na ja, vulgär sind oder können zumindest alle Sprachen sein, oder? Jein: in Wirklichkeit ist das Verhältnis zu Schimpfwörtern kulturell und sozial geprägt, und der Hang eines Volkes zur Vulgarität ist daher immer sehr unterschiedlich.


Die Liebe der Franzosen für die Schimpfwörter ist komischerweise – oder eben logischerweise – mit ihrer Liebe für die eigene Sprache verbunden. Diese in der Welt einzigartige sprachliche Selbstliebe wird oft (und manchmal aus guten Gründen) verspottet, aber sie hat viele interessante Besonderheiten zur Folge, darunter das ständige Spiel mit der Sprache: wie z.B. Louis-Bernard Robitaille in seinem sehr empfehlenswerten Buch Ces impossibles Français gezeigt hat, ist die Sprache für die Franzosen nämlich nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch „ein Instrument, mit dem man gerne spielt“, wie Madame de Staël es früher schon bemerkt hat. Der Grund dafür: Robitaille zufolge wären die Franzosen ewige Jugendliche, die ständig „plaudern, um nichts zu sagen“, einfach weil es Spaß macht, und dieses frivole Verhältnis zur Sprache und zum Sprechen hätte enge Beziehungen zur Tischkultur und der Galanterie, die auch in Frankreich als göttlich betrachtet werden.


Was aber am schönsten bei den französischen Schimpfwörtern ist? Sie können endlos kombiniert werden! Das kann man z.B. im Film Matrix Reloaded sehen, wenn der Schauspieler Lambert Wilson erklärt, dass er Französisch eben wegen seiner sehr kreativen Schimpfwörter liebt:



Hier das ganze Zitat: „nom de Dieu de putain de bordel de merde de saloperie de connard d’enculé de ta mère“ (wörtlich übersetzt – verzeihen Sie bitte meine Vulgarität, oder „excuse my french!“, wie man lustigerweise auf Englisch sagt: „im Namen Gottes von Hure von Bordell von Scheiße von Sauerei von Arschloch von Arschgefi***** von deiner Mutter“).


Wie Sie es vielleicht verstanden haben, wirkt die Präposition „de“ („von“) einfach magisch: man kann damit die schrecklisten Wörter der französischen Sprache kombinieren und aus dieser Weise minutenlang fluchen. Ist das nicht praktisch?



Der Mut zum Übersetzen

Die Schwierigkeit mit dem präsidentiellen „emmerder“ war also nicht nur sprachlich – auch wenn das Wort zwar sehr schwierig zu übersetzen ist. Sie war auch tief kulturell: in Österreich und Deutschland z.B. ist die politische Korrektheit viel stärker als in Frankreich und viele Journalisten haben daher lieber Selbstzensur geübt, indem sie sich nämlich für eine abgeschwächte Übersetzung wie „ärgern“ entschieden haben. Aber kann „ärgern“ als eine gute Übersetzung für ein vulgäres Verb betrachtet werden? Und wie weit sollte sich eine Übersetzung an die Zielkultur anpassen, ohne den Ausgangstext zu verraten?


Beispiel von einer abgeschwächten Übersetzung (Quelle: www.derstandard.at)


Tatsächlich ist dieses Problem üblich und erinnert uns an eine wichtige Tatsache: die Journalisten sind keine Übersetzer und sollten lieber nicht übersetzen, umso mehr, als manche Übersetzer genau auf Presseübersetzung spezialisiert sind. Dies ist z.B. der Fall der französischen Presseübersetzerin Bérengère Viennot, die in ihrem Buch Die Sprache des Donald Trump erklärt, wie die Vulgarität des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten in der Presse aus kultureller Vorsicht bzw. Furcht ständig abgeschwächt, wenn nicht gänzlich abgeleugnet wurde, und wie Übersetzen eine sehr schwierige Arbeit ist, die ein enormes interkulturelles Wissen erfordert.


Quellen

ROBITAILLE, Louis-Bernard, Ces impossibles Français, Folio, 2010

VIENNOT, Bérengère, Die Sprache des Donald Trump, aus dem Französichen von Nicola Denis, Aufbau Verlag, Berlin, 2019

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